ERZIEHUNGSDIREKTION DES KANTONS ZÜRICH
Pädagogische Abteilung, Konstantin Bähr, 1998

Überspringen einer Klasse im Kanton Zürich

(Abschrift der Auswertung, welche die Pädagogische Abteilung der Erziehungsdirektion den Umfrageteilnehmern zugestellt hat. Danke!)

Ergebnisse einer Untersuchung der Jahre 1995 – 1997

Überspringen ist keine Fördermassnahme. Es versucht, bei «Schülerinnen und Schülern mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten» psychische und soziale Beeinträchtigungen zu begrenzen oder zu verhindern, die durch anhaltende Unterforderung entstehen.

Ausgangslage

Im Bericht der Bezirksschulpflegen über das Schuljahr 1992/93 wurde von der Bezirksschulpflege Meilen angefragt, ob es möglich wäre, Erfahrungen, die mit dem Klassenüberspringen gemacht werden, zu erheben. Die Antwort der Erziehungsdirektion hielt fest, dass die Pädagogische Abteilung der Erziehungsdirektion eine kleine Untersuchung zu dieser Fragestellung durchführen wird.

Zweck der Untersuchung

Zweck war es, herauszufinden, wie sich die – in § 12 des Promotionsreglements vom 30. Mai 1989 (GS 412.121.3; im folgenden Promotionsreglement) vorgesehene – Möglichkeit des Klassenüberspringens im Schulalltag des Kantons Zürich bewährt. Befragt wurden Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Primarschulpflegen.

Erkenntnisinteresse

Die Befragung sollte insgesamt darüber Aufschluss geben:

Im Einzelnen sollten Fragen beantwortet werden wie:

Methodik

Für die Erhebung wurde ein schriftliches Verfahren gewählt. Die Untersuchung war so angelegt, dass zum jeweiligen Fall Äusserungen aus verschiedenen Blickwinkeln erfolgen. Dazu wurden drei Fragebogen entwickelt: Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte. Ein vierter Fragebogen erhebt Erfahrungen von Primarschulpflegen mit dem Überspringerverfahren.

Kernstück der Untersuchung war der Fragebogen für Schülerinnen und Schüler (Eigenperspektive). Die Fragebogen für Eltern und Lehrkräfte sind nachgeordnet und beleuchten bzw. ergänzen die Aussagen der Kinder.

Die Antwortmöglichkeiten waren meist doppelt geführt: Einerseits bestand die Möglichkeit, einen Wert auf einer Skala (Skalierung von 1 bis 7) anzukreuzen, andererseits wurde um eine kurze Bemerkung gebeten. 

Vorgehen

Die Namen der Überspringenden wurden aus den Daten der Bildungsstatistik ermittelt: Aufgrund des Schülerfragebogens werden Klassen ausfindig gemacht, in denen sich Schülerinnen bzw. Schüler befinden, die den «Klassensprung» gerade hinter sich haben. In einem nächsten Schritt wurden die betreffenden Lehrkräfte angeschrieben, über die Erhebung informiert und gebeten, den Namen und die Adresse der Überspringenden mitzuteilen. Dies ermöglichte nun, direkt mit den Überspringern und ihren Eltern in Kontakt zu treten: Sie erhielten persönliche Informationen zum Projekt, zum Datenschutz, ihren Fragebogen und den Fragebogen für die Lehrkraft. Für die Konzeption der Untersuchung war es wichtig, dass Kinder und Eltern immer die Kontrolle darüber hatten, was erhoben wurde. Sie konnten somit entscheiden, ob der Bogen von ihrer Klassenlehrkraft ausgefüllt und von ihr an die Erziehungsdirektion gesandt wurde. Gleichzeitig wurden die Klassenlehrkräfte über das Vorgehen informiert und gebeten, mitzuteilen, wenn sie von den Eltern keine Post erhalten hatten.

Der Fragebogen an die Primarschulpflegen wurde direkt verschickt. Er beschränkt sich auf Fragen nach der Praktikabilität des Verfahrens.

Die Befragungen im Juli 1995/96/97

Insgesamt bekamen einunddreissig Familien das Fragebogenset zugeschickt (1995 waren es sechs; 1996 waren es zwölf; 1997 waren es dreizehn). Oder anders gruppiert: Die Grundlage dieses Zwischenberichts sind Daten von zehn Schülerinnen und einundzwanzig Schülern, die jeweils im Juli bereits ein Jahr in der neuen Klasse hinter sich gebracht hatten. Alle Angaben dieser Kurzinformation sind somit auf dem Hintergrund dieser kleinen Anzahl von Überspringerinnen und Überspringern zu lesen: Immerhin stellt diese kleine Zahl die Gesamtpopulation von drei Jahren dar. 

Schülerinnen und Schüler, Ergebnisse der Befragung

Der Fragebogen für Schülerinnen und Schüler ist folgendermassen gegliedert:

45 % der Schülerinnen und Schülern gefiel es in ihrer alten Klasse ausgeprägt gut, 35 % gefiel es weniger. Die Förderung durch ihre ehemaligen Klassenlehrkräfte wird ähnlich wahrgenommen: 45 % fühlten sich gut bis sehr gut unterstützt, 35 % überhaupt nicht. 90 % langweilten sich im Unterricht ausgeprägt.

Die Initiative zum Überspringen ging in deutlich mehr als der Häfte der Fälle (ca. 60 %) von der Klassenlehrkraft in Zusammenarbeit mit dem Schulpsychologischen Dienst und den Eltern aus. In geringerem Masse lag die Initiative bei den Eltern (ca. 30 %) und/oder bei den von ihnen engagierten psychologischen Fachpersonen (ca. 10 %).

Die Kinder fühlten sich bei den Abklärungen zum Überspringen einigermassen wohl. Bereits zu diesem Zeitpunkt freuten sie sich darauf, nach dem Überspringen «endlich etwas lernen» zu können. Die eigene Vorbereitung durch die Lehrkräfte auf das Überspringen hin wurde wieder sehr unterschiedlich erlebt: Ein Drittel, das sich sehr gut vorbereitet sieht, steht einem Drittel gegenüber, das sich als gar nicht gut vorbereitet empfindet. In Mathematik und Deutsch sehen sich die Kinder dennoch – auch aus eigener Kraft – gut vorbereitet.

Der Empfang in der neuen Klasse war in 75 % gut bis «ganz super», und es gefällt 93 % der Kinder sehr. Die einzelnen Fächer konnten mit wenig Aufwand und Zeit nachgeholt werden. 72 % der Kinder sind zufrieden damit, wie sie jetzt ausgelastet sind. Ihre – ohnehin meist guten – Ausgangsnoten haben sich nur leicht verändert: ein Drittel rutscht im Mathematik ein wenig nach unten, ein weiteres Drittel bleibt gleich und ein weiteres verbessert sich leicht nach oben; im Deutsch verschlechtern sich 40 % um eine halbe Note gegenüber 20 %, die sich steigern. Der Mittelwert aller Veränderungen liegt in beiden Fächern bei Null. Überspringerinnen und Überspringer haben auch nach dem Sprung noch genügend Zeit für eigene Interessen. 96 % der Überspringerinnen und Überspringer würden sich zum Zeitpunkt der Befragung wieder für diese Massnahme entscheiden. 

Eltern, Ergebnisse der Befragung

Der Fragebogen für Eltern ist folgendermassen gegliedert:

Eltern haben nicht das Gefühl, sie hätten ihre Kinder vor Schulbeginn überdurchschnittlich gefördert. Sie geben vielfach an, sie hätten immer versucht, allen Fragen ihrer Kinder gegenüber offen zu sein und eine Antwort zu suchen. Klar ist: Die Schule förderte ihre Kinder bedeutend zu wenig. Deshalb wurde auch das Überspringen – um Beeinträchtigungen zu begrenzen oder zu verhindern – nötig. Das Abklärungsverfahren wird als einigermassen positiv erlebt. Die Auswirkungen des Überspringens auf die persönliche Entwicklung ihres Kindes, sein soziales Verhalten, seine Einstellung zur Schule, seine Lernmotivation, sein Vertrauen in die eigene Leistung und – überhaupt – auf seine Leistung werden in nahezu allen Fällen als deutlich positiv veranschlagt. Einen Arbeitsaufwand für das Nachholen des übersprungenen Schulstoffs hatten auch die Eltern nicht. Alle Eltern würden sich zum Zeitpunkt der Befragung wieder für das Überspringen aussprechen.

Welche zusätzliche Förderung wünschen Eltern

Wie könnten – aus der Sicht der Eltern – überdurchschnittlich befähigte Kinder gefördert werden? Eltern wünschen sich: Bessere Abklärungen im Kindergarten, frühzeitige Einschulung, vereinfachte Verfahren zum beschleunigten Vorrücken in der Unterstufe, Zulassung mehrfachen Überspringens, teilweiser Schuldispens, eigene Förderstunden, spezifische Schulung besonders begabter Kinder mehrerer Schulhäuser an einem Nachmittag pro Woche, spezielle Schulen oder Kleinklassen, Erstellen von Fördermaterialien zuhanden der Lehrkräfte, Beizug von Fachlehrern in der Primarschule. Eltern wünschen sich zudem, dass Lehrkräfte durch die Lehrerbildung noch stärker auf das Erkennen von und den Umgang mit Kindern, die überdurchschnittlichen Fähigkeiten haben, vorbereitet werden.

Lehrkräfte, Ergebnisse der Befragung

Der Fragebogen für Lehrkräfte ist folgendermassen gegliedert:

90 % der befragten Lehrkräfte halten die Massnahme des Überspringens für wirklich sinnvoll. Ihren Vorbereitungsaufwand für den Empfang der Überspringerin, des Überspringers bezeichnen sie in 70 % der Fälle als wenig zeitintensiv. Dies sagt natürlich nichts über den Vorbereitungsaufwand der «abgebenden» Lehrkräfte aus. Nur 25 % der Lehrkräfte der neuen Klasse müssen in den ersten Monaten die Überspringenden intensiv bis sehr intensiv unterstützen. Im zweiten Halbjahr nimmt der Aufwand in der Regel nochmals ab. In den meisten Fällen sehen Lehrkäfte keine deutlichen Unterschiede oder Abweichungen in der Kontaktfreude, Anpassungsfähigkeit und Aktivität der Überspringenden zur übrigen Klasse. 60 % der Lehrkräfte schätzen die Leistungsbereitschaft der Überspringenden als deutlich über dem Klassenschnitt ein. 80 % der Lehrkräfte beurteilen die Massnahme des Überspringens als wirklich erfolgreich.

Welche Fördermöglichkeiten sehen Lehrkräfte?

Lehrkräfte sind sich bewusst, dass das Überspringen keine eigentliche Fördermassnahme ist. Als ausdrückliche Massnahmen zur Begabungsförderung schlagen Lehrkräfte vor: Individuell zugeschnittene Lehr- und Lernformen sowie Lerninhalte, Fremdsprachenerwerb (Auslandaufenthalt), soziales Lernen (z.B. Schülerinnen und Schüler mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten helfen Schülerinnen und Schülern, die erst dabei sind, Deutsch zu lernen). Gleichwohl wird bemerkt, der Aufwand für jedwelche Förderung von Schülerinnen und Schülern mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten durch die Lehrkraft sei sehr hoch, und es wäre gut, zusätzlich – kollegiale – Unterstützung anforden zu können, beispielsweise durch ISF-Lehrkräfte.

Primarschulpflegen, Ergebnisse der Befragung

Der Fragebogen für Primarschulpflegen ist folgendermassen gegliedert:

Primarschulpflegen halten das Überspringerverfahren für praktikabel. Am hilfsreichsten ist für sie der jeweilige Bericht der Lehrkraft. Auf den nächsten Rängen rangieren der Bericht des Schulpsychologischen Dienstes, die privaten Gutachten der Eltern und das jeweilige Gesuch der Eltern. In mehr als der Hälfte aller Fälle wird dem Bericht des Schularztes keine Bedeutung zuerkannt. Die Massnahme des Überspringens wird von 85 % der Schulpflegen als eine wirklich sinnvolle Massnahme betrachtet.

Die befragten Primarschulpflegen merken zum Überspringen folgendes an: Das Überspringen soll weiterhin möglich sein (Grundkonsens). Ein zweites Überspringen – welches bislang gesetzlich nicht vorgesehen ist – soll ermöglicht werden. Überspringen verursacht keine zusätzlichen Kosten – abgesehen von den Verfahrenskosten.

Begabungsförderung erhoffen sich Schulpflegen durch Angebote der jeweiligen Lehrkraft: Zusatzaufgaben, Werkstattunterricht. Eine weitere Möglichkeit wird darin gesehen, dass spezielle Förderstunden für Schülerinnen und Schüler mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten angeboten werden könnten. Schulpflegen sehen auch den Einsatz von ISF-Lehrkräften zur speziellen Förderung. Einige haben damit bereits positive Erfahrungen gemacht.

Rückschlüsse aus der Untersuchung

Das Überspringen ist eine Massnahme, die sich bewährt: Nahezu alle Kinder würden sich heute wieder für das Überspringen entscheiden, die Lehrkräfte bestätigen den guten Erfolg des Überspringens, und die Schulpflegen beurteilen das Verfahren als praktikabel.

Es muss an dieser Stelle nochmals betont werden: Überspringen ist keine Fördermassnahme – es versucht bei Schülerinnen und Schülern mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten psychische Beeinträchtigungen zu begrenzen oder zu verhindern, die durch anhaltende Unterforderung entstehen. Zumindest für das Jahr nach dem Überspringen kann von dieser Untersuchung eine Auslastung für dreiviertel der Fälle belegt werden. Dies widerspricht der verbreiteten Meinung, Überspringen bringe nichts gegen die Unterforderung und die Kinder würden sich sofort wieder langweilen.

Massnahmen

Auf dem Hintergrund der vorliegenden Untersuchung werden von einer Arbeitsgruppe der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich dem Erziehungsrat Vorschläge unterbreitet, sowohl für eine Überarbeitung des Überspringerverfahrens als auch für eine gezielte qualitative Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und ihren Lehrkräften.


Kommentar vom 12. Februar 1998

Allfällige Kommentare bitte an Leslie Müller oder an Sven Müller.