Neue Zürcher Zeitung: ZÜRICH UND REGION: Mittwoch, 10.06.1998 Nr. 131 55
Besondere Fähigkeiten sind etwas Normales
Beginn gezielter Begabtenförderung in der Zürcher Volksschule
Überdurchschnittlich begabte Kinder und Jugendliche wurden schon immer als «Wunderkinder» ausgenützt oder als «Streber» gehänselt.
In jüngerer Zeit wächst die Bereitschaft, adäquater auf ihre Situation einzugehen und ihnen die notwendige Förderung zuteil werden zu lassen.
Auch im Kanton Zürich sind Bestrebungen im Gang, die Schullaufbahn zu flexibilisieren, eine Schule für Hochbegabte zu führen und Förderkurse anzubieten.
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Von «Wunderkindern» weiss die öffentliche Meinung und wartet stets gierig auf deren Entdeckung, um sich an ihren Fähigkeiten gedankenlos ergötzen zu können.
Auf Pausenplätzen und Schulwegen werden die «Streber» ausgestossen und gehänselt.
Beispiele für solche nichtssagend oder verletzenden Schubladisierungen gibt es noch mehr.
Sie haben gemeinsam, dass sie Kinder mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten stigmatisieren, isolieren oder lähmen - also genau das Gegenteil dessen tun, was das Ziel neuerer Bestrebungen zu ihrer Förderung ist.
Die Psychologie hat mit grösserer Intensität begonnen, zwischen «Mythen und Realitäten von aussergewöhnlichen Kindern»* zu unterscheiden.
Die Politik wurde unter dem Druck der Wirtschaftskrise auf hemmende oder gar destruktive Auswirkungen eines dogmatisierten Gleichheitsprinzips aufmerksam und begann, Leistung weniger als Laster denn als Chance zu erkennen.
Schliesslich trugen betroffene Eltern dazu bei, Bedürfnisse und Tragik besonders begabter Kinder zu einem Thema zu machen.
Sie waren nicht mehr länger bereit, ihren Kampf gegen hemmende Strukturen und Ideologien im Schulwesen alleine zu führen.
Sondermassnahmen und die Normalität
Neulich wieder erinnerten zwei Meldungen an die Bestrebungen, die Begabtenförderung auch im Zürcher Schulsystem zu etablieren.
Die Erziehungsdirektion startete eine Vernehmlassung zur Lockerung der Regelungen über das Überspringen von Klassen.
So soll in Zukunft schon die erste Klasse übersprungen werden können; die Beschleunigung der Schullaufbahn soll auch an der Oberstufe möglich sein und mehrmals erfolgen können.
Bereits im vergangenen September stimmte das Volk der Flexibilisierung des Schuleintrittsalters zu.
Nur wenig später wurde bekannt, dass eine Schule für Hochbegabte, die «Talenta», im nächsten August in Zürich ihren Betrieb aufnehmen wird.
Gemäss Angaben aus dem Trägerverein soll sie kognitiv hochbegabte Kinder mit einem Intelligenzquotienten von über 130 in Kleingruppen zusammenfassen, in denen ihr Wissensdurst auf keinerlei Schranken stossen soll.
Vereinssprecher Jean-Jacques Bertschi vermutet, dass diese Kinder, die rund drei- bis fünfmal schneller lernten als der Durchschnitt, im Alter von 12 bis 13 Jahren in eine gezielte Maturavorbereitung geschickt werden können.
Zehn definitive Anmeldungen liegen der Schule vor.
Die «Talenta» wird in einem öffentlichen Schulhaus in zwei gemieteten Schulzimmern untergebracht sein.
Das Überspringen von Klassen ist aber noch keine Förderungsmassnahme.
Die Erziehungsdirektion spricht vielmehr von einer «Krisenintervention» für Fälle von krasser - und gefährlicher - Unterforderung.
Und die «Talenta» ist auf Hochbegabte ausgerichtet, welche lediglich rund ein Prozent aller Schulkinder ausmachen, und beschränkt sich dazu auf Begabungen in den klassisch schulischen Domänen der Sprache und des räumlichen sowie des logisch-mathematischen Denkens.
Überdurchschnittliche Begabungen sind jedoch etwas überaus Normales. Auf rund zehn bis zwanzig Prozent aller Schulkinder soll diese Bezeichnung zutreffen, wobei es sich im Gegensatz zum Mythos vom kleinen «Alleskönner» meistens um Begabungen geht, die auf einzelne Domänen eingegrenzt werden können.
Zwei Kinder pro Klasse unterfordert
Durchschnittlich rund zwei Kinder in jeder Klasse seien ernsthaft unterfordert, differenziert die Zürcher Psychologin und Sonderpädagogin Ulrike Stedtnitz diese groben Zahlenwerte.
Dazu kämen Kinder, die teilweise unterfordert sind.
Solche Kinder seien zunächst daran zu erkennen, dass sie ganz einfach anders seien als ihre Alterskollegen oder dass sie sehr anstrengend seien, ihre Eltern intensiv in Beschlag nehmen und dass es sie nach Stimulation dürste.
Meist manifestiere sich die überdurchschnittliche Begabung und die hohe Lernbereitschaft durch frühes Lesen oder frühes Rechnen.
Die Abklärungen, welche von Ulrike Stedtnitz und ihrem Team durchgeführt werden, orientieren sich an acht Begabungstypen, zu denen nicht nur die klassisch schulischen Domänen, sondern beispielsweise auch die körperlich-kinästhetische, die soziale oder die musikalische Intelligenz zählen.
Das Ziel sei nie das Feststellen der Sonderbegabung an sich, hält Ulrike Stedtnitz fest, sondern die Suche nach einer für das Kind optimalen Förderung.
Generell gehe es darum, die Andersartigkeit der Kinder anzuerkennen, sie weder in der Schule noch zu Hause zu «bremsen» und die Anzahl von Wiederholungen von Gelerntem (zum Beispiel mit Übungsaufgaben) zu reduzieren, meint die Psychologin.
Der Preis für das Nichterkennen die Begabung eines Kindes oder die fehlende Förderung kann hoch sein und beispielsweise in Aggressivität, Depressivität, Lernstörungen oder erhöhter Suchtgefahr bestehen.
Förderung im sozialen Umfeld
Dass Förderungsmassnahmen individuell und in den Alltag eingebettet werden müssen und wenn möglich nicht mit dem Verlassen des sozialen Umfeldes verbunden sein sollten, betont auch Susanne Heer (Oberentfelden), welche Beratungen für betroffene Eltern durchführt.
Genau dieses Umfeld kann eine Begabung aber zum Problem werden lassen.
Dass Eltern als ehrgeizig abgestempelt und dass ihre Kinder gehänselt und gegängelt werden, kommt laut Susanne Heer häufig vor.
Neid und ideologische Scheuklappen müssen sich von ihr auch manche Lehrpersonen und Schulpflegemitglieder vorwerfen lassen.
Neben Einzelaktionen zur Förderung der Kinder wie Bibliotheks- oder Laborbesuche oder der Teilnahme an Kursen an der Universität empfiehlt Susanne Heer auch Mentorkurse.
Beispielsweise sind solche Angebote auch in den vom Stadtzürcher Parlament im Februar genehmigten 1,14 Millionen Franken für die Begabtenförderung während einer Versuchszeit von drei Jahren enthalten.
Die Kinder erhalten dabei stundenweise Zusatzunterricht zum Schulstoff oder auch in Bereichen, welche in der Schule nicht behandelt werden, und zwar durch Studierende, Mittelschüler, ausgebildete Lehrpersonen, Fachlehrkräfte oder Berufsleute.
Ein Perspektivenwechsel
Ein solches Projekt ist zum Beispiel vom schulpsychologischen Dienst in Bülach aufgebaut worden.
Deren Leiter Rolf Fravi möchte sich gemäss eigenen Aussagen auf die «intellektuellen» und sprachlichen Begabungen konzentrieren, da es für künstlerisch, musikalisch, sportlich oder tänzerisch Begabte traditionellerweise bereits viele Förderungsmöglichkeiten gebe.
Alle zwei Wochen sollen Bülacher Primarschulkinder - nach einer schulpsychologischen Abklärung - zweistündigen Projektunterricht erhalten.
Dabei soll es um das Erarbeiten von Themen gehen, um das Lösen kniffliger Aufgaben, um Computereinführungen oder - für die sprachlich Begabten - um das Produzieren von Hörspielen, Filmen oder Artikeln.
Fravi räumt ein, dass die Schulpsychologie auf Lernschwierigkeiten ausgerichtet gewesen sei und sich nun auch auf Begabungen konzentrieren müsse.
Ähnlich äussert sich Ulrike Stedtnitz.
Sie spricht von einem eigentlichen Perspektivenwechsel.
Nicht mehr nur die Defizite gewisser Kinder dürften das Thema sein, vielmehr gelte es, sich auf die Ressourcen zu konzentrieren und diese so gut wie möglich zu fördern.
In rund zwei Jahren will der Kanton das sonderpädagogische Angebot revidieren und Massnahmen zur qualitativen Förderung beschliessen.
Der Tatsache, dass betroffene Kinder so lange nicht warten können, hätten bis dahin die Gemeinden Rechnung zu tragen.
* Ellen Winner: Hochbegabt. Mythen und Realitäten von aussergewöhnlichen Kindern. Stuttgart 1998.