Fördermassnahmen oder Hobbies, die die 28 Kinder zum Ausgleich der Unterforderung neben der Schule her betreiben, erreichen insgesamt einen Umfang von 136 Stunden pro Woche, dem steht die Zahl von 17 Lektionen an Dispenszeiten gegenüber, was auf eine enorme zeitliche Belastung der Kinder hindeutet. Nicht eingerechnet in den "privaten Zeitaufwand" sind hier die Fahrzeiten und Übungszeiten für Musikinstrumente oder Fremdsprachen. Überwiegend werden die Kosten von den Eltern übernommen. Nur 4 Eltern bemerkten, dass ihre Kinder im Unterricht gefördert würden, während alle übrigen Kinder während der Unterrichtszeit nicht gefördert werden. Auffällig ist, dass mehr als die Hälfte der Kinder lieber mit älteren Kindern spielt oder mit Erwachsenen diskutiert als mit gleichaltrigen. Die meisten Eltern gaben und geben ihren Kindern eine Antwort auf ihre vielen Fragen.
Welche Probleme und Bedürfnisse haben unsere Kinder, können sie auf einen Nenner gebracht werden? So individuell die einzelnen Lebens- mitunter auch Leidenswege der einzelnen Kinder sind, so gibt es doch einige gemeinsame Komponenten. Diese Komponenten konkret zu erfassen, war unser Ziel.
Die schwierigste Art der Auswertung ist, freie Antworten auf ziemlich offene Fragen in ein Raster von gemeinsamen Komponenten zu bringen. Wir versuchten mit Hilfe einer Mischung aus beidem einerseits konkrete Fakten zu erfahren, andererseits "emotionale Stimmungen" einzufangen. Der anschliessende Bericht über die Auswertung versucht beides wiederzugeben, ohne dass nachvollziehbar sein soll, aus welcher Familie welche Aussagen stammen.
Fragen wurden gestellt zur Entwicklungszeit vor dem Kindergarten, zur Zeit Kindergarten/ Erste Klasse und zur weiteren schulischen Entwicklung. Dabei interessierte wer die Unterforderung entdeckte und wodurch sie auffiel. Ausserdem wurde nach Massnahmen gefragt, die während der Schulzeit und in der Freizeit ausgeübt werden, mit welchem zeitlichen Aufwand und wer für die Kosten aufkommt. Einige Fragen zum Elternverhalten, Lehrerverhalten und zum bevorzugten Kontaktverhalten des Kindes wurden gestellt.
Aus der Literatur ist bekannt, dass Kinder mit besonderen Fähigkeiten gleich häufig auf beide Geschlechter verteilt sind. In unserem Falle wurden Fragebögen für 15 weibliche und 13 männliche Kinder zurückgesandt. Ein Ergebnis, das im Rahmen der Angaben aus der Literatur liegt. Dass es sich tatsächlich um Kinder mit überdurchschnittlichem Potential handelt, kann als ziemlich sicher gelten, da nur 3 nicht (schul-)psychologisch abgeklärt sind.
Die
meisten Abklärungen kamen auf Initiative der Eltern zustande und wurden
auch zum grössten Teil privat finanziert. 17 wurden privat abgeklärt,
2 über die Schule und 6 sowohl privat als auch über die Schule.
3 sind nicht abgeklärt. Etwa im gleichen Verhältnis wurde die
Unterforderung auch entdeckt: 18 durch die Eltern, 2 durch die Schule und
6
gemeinsam durch die Eltern und die Schule.In etwa 2/3 der Fälle entdeckten
die Eltern oder andere Personen die Unterforderung der Kinder und veranlassten
eine Abklärung. Nur bei etwa 1/3 der Fälle war die Schule bei
der Entdeckung der Unterforderung beteiligt. Es mag verschiedene Gründe
geben, weshalb die Unterforderung nicht durch die Schule entdeckt wurde.
Gründe zusammenzustellen wäre interessant, würde aber den
Rahmen des Berichts sprengen.
Verschiedene Reaktionen der Kinder in Kindergarten oder Schule bringen die Stichwörter auf dem Datenblatt in der 7. und 8. Spalte zum Ausdruck.
15 Kinder haben bereits einmal eine Klasse übersprungen, das ist knapp
mehr als die Hälfte aller Kinder der Stichprobe. 4 Kinder wurden oder
werden früher eingeschult werden oder es läuft ein entsprechendes
Verfahren. 9 haben bis jetzt keine Klasse übersprungen. Das Springen
selbst ist eine einfache und sehr kostengünstige Massnahme, die eine
vorübergehende Entlastung bringt, jedoch keine Fördermassnahme
darstellt. Aus verschiedenen Gründen kommt Springen nicht für
jedes Kind in Frage. Auch diese Gründe können an dieser Stelle
nicht zusammengestellt werden, sondern bedürfen einer gesonderten
Untersuchung.
Die Angaben über die Stundenzahl, die vom Kind pro Woche für Hobbies oder Fördermassnahmen aufgewendet werden, schwanken zwischen 0 Stunden als kleinstem Wert und 13.5 Stunden als höchstem Wert, der Mittelwert liegt bei 4.8 Stunden.
| Pro Woche wenden von den 28 Kindern ...
Stunden für Nebenbeschäftigungen auf |
3 und mehr | 4 und mehr | 5 und mehr |
| Anzahl Kinder | 21 | 14 (Hälfte) | 13 |
Die Kosten dafür tragen 18 Eltern alleine, bei weiteren 8 Eltern
beteiligt sich die Schule "anteilig" an den Kosten für Fördermassnahmen
der Kinder. 2 Kinder erhalten vermutlich aufgrund des noch jungen Alters
keine Massnahmen.
Nur 4 Eltern gaben an, dass das Kind während des Unterrichts von
Übungsstoff entlastet wird und dafür spezielle andere Aufgaben
erhält. Diese Zahl unterstreicht die Unerfahrenheit oder Unkenntnis
der meisten Lehrkräfte im Umgang mit dem Problem der Unterforderung
von Kindern mit überdurchschnittlichem Potential im Unterricht. Die
Zahl zeigt auch, dass bis jetzt sehr wenig oder nichts in bezug auf Förderung
während der Unterrichtszeit passiert.
Die Kinder opfern einen grossen Teil ihrer Freizeit für Massnahmen und Hobbies, die zum Teil die Unterforderung in der Schule ausgleichen sollen, jedoch bleibt ihnen dann kaum mehr Zeit zum freien Spielen, Konstruieren, Schreiben, ... die sicher auch sie geniessen würden.
Die Frage, ob das Kind lieber mit älteren, jüngeren, gleichaltrigen zusammen ist oder lieber alleine ist wurde entsprechend der folgenden Tabelle beantwortet. Mehrfachnennungen waren möglich, weshalb die Summe grösser als 28 ist.
| Das Kind bevorzugt in der Freizeit den Umgang mit... | älteren Kindern | jüngeren Kindern | gleichaltrigen Kindern | ist Einzelgänger |
| Anzahl Nennungen | 17 | 5 | 4 | 13 |
Fast die Hälfte sind Einzelgänger. Dies liegt vermutlich nicht nur am Charakter der Kinder. Sie finden in der Welt der "gleichaltrigen" kaum Kollegen mit ähnlichen Interessen, mit denen sie diskutieren könnten. Diese Diskussionspartner finden sie eher in der Welt der Erwachsenen.
Zum Antwortverhalten auf Fragen ihrer Kinder erfolgten die Angaben wie folgt. Mehrfachnennungen waren möglich, weshalb die Summe grösser als 28 ist.
| Wie reagier(t)en Sie auf Fragen Ihrer Kinder? | Auf jede Frage eine Antwort | Hilfestellung zur Antwortfindung | Diskussion und Auseinandersetzung mit der Frage | Genervt vom vielen Fragen |
| Anzahl der Nennungen | 22 | 8 | 11 | 3 |
| Antrag der Eltern: Lehrerin muss sich an Lehrerberater wenden. Die Lehrerin hat das leider nie für nötig gehalten |
| Begabungen sind etwas wunderbares, die Kinder dürfen stolz sein |
| Bettlektüren gehörten mit 18 Monaten zur Tagesordnung |
| Das Kind wurde nie gut akzeptiert in der Schule |
| Der Junglehrerin fehlte die Kapazität irgendetwas speziell für sie zu machen. Sie ist momentan kein glückliches Kind |
| Durchs Springen ist das Kind ausgeglichener, braucht trotzdem noch viel "Futter" |
| Eltern werden "belächelt". Gutachten von Fachleuten werden nicht anerkannt |
| Frag nicht soviel |
| Frühe Abklärung, profitierte von den Erfahrungen mit den älteren Geschwistern |
| Gefühl der Ohnmacht, wenn Kind sich weigert nur einen einzigen Buchstaben zu schreiben, und wenn es lieber sterben will als in die Schule zu müssen. Lehrer begegnen den Kinderfragen zum grossen Teil mit Gleichgültigkeit |
| Gespräche in die Tat umsetzen, extrem begabtes, nicht leistungswilliges, völlig unterfordertes Kind |
| Hoffen auf früheres Einschulen |
| Integration der Begabungsförderung, keine charakterlich elitäre Entwicklung |
| Integrative Lösung? Kind will nicht "beschäftigt" sein, sondern gefordert |
| Kind lacht selten, ist eher traurig |
| Mehr Freizeit für die vielen Massnahmen und Hobbies |
| Lehrer nehmen die Begabung widerwillig zur Kenntnis, wollen Kind nicht anders als durchschnittliche Kinder behandeln |
| Rechtzeitig richtige Ursache erkennen. Leidenszeit sollte nicht 4 Jahre dauern, bis die Ursache erkannt ist! |
| Schule war im Rahmen der Möglichkeiten eher unterstützend, bei weitergehenden Massnahmen Hinweis auf finanzielle Konsequenzen Anpassungsleistung des Kindes ermöglichte eine befriedigende Entwicklung |
| Schulische Fördermassnahmen werden vermisst. Dauernde Rechtfertigung der Eltern zur Begabtenproblematik abschaffen |
| Sie ist momentan glücklich. Sie freut sich aufs Gymi. Die private Schule bietet an den Nachmittagen alle Unterstützung an, um eigenen Fragen nachzugehen. |
| Sie nahm sich immer mehr zurück, traute sich immer weniger zu, fühlt sich minderwertig. Flüchtigkeitsfehler als Signal achten. |
| Sinnvolle Beschäftigung für Begabte in der Schule, trotz Springen gibt es Langeweile. Wutanfälle, Frust, Fieber sind die Folge. |
| Statt unnötiges Ueben, Zeit für die vielen Nebenaktivitäten |
| Ueben weglassen, schneller vorwärtsgehen, die Freude an der Schule steht und fällt mit der Lehrperson |
| Wartezeit auf Lösungsversuche ist zu lange. Es ist frustrierend, zu sehen, wie schlecht es dem Kind immer wieder geht. |
| Wegen hoher Anpassungsfähigkeit erst bei "chronischem Kranksein" erkannt |
| Wurde falsch eingeschätzt, Gefahr von Zurückstufung |
Auffallend ist, dass zur Zeit sehr viel von den Kindern und ihren Eltern geleistet wird, während von der Schule nur selten Massnahmen ergriffen werden, die die eigentliche Ursache der ernsthaften Unterforderung lindern könnten. Angesichts der relativ grossen Zahl des Unverständnisses von Lehrkräften oder der Hilflosigkeit von Lehrkräften, die Verständnis zeigen, wäre es wichtig, Unterforderung als Problem in die Lehreraus- und -fortbildung aufzunehmen. Für die Realisierung von Massnahmen während der Unterrichtszeit sollten den Lehrern Mittel und Wege aufgezeigt werden. Kinder mit überdurchschnittlichem Potential wollen nicht im Unterricht "beschäftigt" sein, sondern gefordert, denn nur dann können sie an den Aufgabenstellungen wachsen, anstatt daran zu verzweifeln.
Bis eine entsprechende Fortbildung bei den Lehrkräften wirksam wird und schliesslich Massnahmen während der Unterrichtszeit ergriffen werden, könnte jetzt schon häufiger über Dispenszeiten nachgedacht werden, die die Kinder zumindest entlasten würden. Bei der Diskussion um Massnahmen sollten Behörden und Lehrkräfte sich bei der Entscheidungsfindung durch anerkannte, ausgebildete Berater unterstützen lassen.