Argumente

 

„Müssen wir, weil die Schildkröte einen sicheren Gang hat, die Flügel der Adler beschneiden?“
(Edgar Allan Poe, 1809-1849)

 

Auszüge aus der Broschüre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Deutschland "Zu Entwicklungsschwierigkeiten hochbegabter Kinder und Jugendlicher in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt", herausgegeben März 2007.

Die sechs Fragen wurden von Andrea Salow (für die IG Begabtenwerkstatt Luzern) aus dieser Broschüre zusammengestellt:

1. Warum brauchen hochbegabte Kinder Förderung?

  • „Ihre (der hoch begabten Kinder) besondere Begabung ist nicht irgendetwas Zusätzliches, das aus ihrer Begegnung mit der Welt ausgeklammert werden könnte. Es ist im Gegenteil ein nicht herauslösbarer Bestandteil ihres Seins. In allen Vorgängen, in denen sich hochbegabte Kinder die Innen- und Aussenwelt aneignen, werden sie geleitet von ihrer geistigen Lebendigkeit, die untrennbar mit ihrem emotionalen und leiblichen Dasein verbunden ist.“ (BMBF S. 10)
  • „Wenn die geistigen Gaben hochbegabter Kinder sich nicht vorwärts entwickeln dürfen von da aus, wo sie nun einmal sind, sondern ihnen Rückwärts-‚Entwicklung’ auf eine fiktive Altersnorm abverlangt wird, kann mit der Zeit ein grosser Teil ihrer geistigen Vitalität abgebremst und damit auch die emotionale, soziale und sogar körperliche Entwicklung behindert werden.“ (BMBF S.10)
  • „Wenn Anlagen und Entfaltungsdrang des Kindes und die Möglichkeiten der Menschen in seiner Umgebung zu sehr voneinander abweichen, wenig zueinander passen, können zwei grundlegende menschliche Bedürfnisse, Sich-entfalten-wollen und Dazu-gehören-wollen, in dem Kind in einen schwerwiegenden Konflikt miteinander geraten und seine Entwicklung erheblich stören.“ (BMBF S.11)
  • „Die Errungenschaften der öffentlichen Schule….können sich für einen Teil der hochbegabten Kinder und Jugendlichen umkehren in eine Beengung ihres weit- und schnellschrittig vorwärts strebenden Geistes. Sie können sogar ganz verloren gehen, wenn hochbegabte Kinder und Jugendliche in der Schule - weitgehend zufallsabhängig - auf Strukturen und Personen stossen, die ihre besonderen Lernbedürfnisse nicht achten und entsprechend beantworten.“ (BMBF S. 22)
  • „Langeweile kann krank machen. Unterforderung gilt als einer der stärksten Stressoren mit negativen Auswirkungen auf emotionale Stabilität und Persönlichkeitsentwicklung. ‚Die einschlägige Stressforschung ist zu der Auffassung gelangt, dass Monotonie, Bewegungsarmut, sozialer Kontaktmangel, Informationsdefizite, Unterforderung und Inaktivität zu den Stressoren gehören, die einen Menschen am stärksten belasten sowie seine Persönlichkeit und seine Gesundheit erheblich deformieren können.’“(Karl Hecht, „Unterforderung überfordert“) BMBF S. 32
  • „Wenn immer alles zu leicht ist, behindert die Schule hochbegabte Kinder und Jugendliche darin, wichtige Ich-Funktionen wie Anstrengungsbereitschaft und Lerntechniken zu entwickeln. Ursprüngliche Lernfreude kann verloren gehen und die tief befriedigende Erfahrung, durch Anstrengung weiterzukommen, kann nicht gemacht werden…. Es fehlt ihnen das Selbstvertrauen, neue Fertigkeiten entwickeln zu können.“ (BMBF S. 55)

2. Warum kommen auch erfahrene Lehrer mit hochbegabten Kindern oft nicht zurecht?

  • „Für Lehrer(innen) die jahrelang auf jahrgangsübliches ihres Erfahrungsbereiches eingestellt sind, kann es ausserhalb ihrer Vorstellung liegen, wie sehr abweichend vom Üblichen die geistige Kapazität und das Lernbedürfnis eines hochbegabten Kindes tatsächlich sein können.“ (BMBF S. 54)
  • Oft reagieren Lehrer auf die Hochbegabung eines Kindes mit Angst und Unsicherheit. Besondere Fähigkeiten werden als störend empfunden, weil sie vom Lehrkonzept des Lehrers wegführen. Statt auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes einzugehen reagiert der Lehrer mit Disziplinierungsmassnahmen, zudem vermittelt er mit seiner abwehrenden Haltung den Mitschülern, dass ein solches Verhalten nicht erwünscht ist. Der Lehrer „unterstützt damit den Ausstossungsprozess… in der Klasse…“ damit bahnt sich ein Weg in die „destruktive Interaktionen… die sich schliesslich verselbständigen: aus den Hänseleien entsteht ein regelrechtes Bullying (aus dem Englischen „to bully“ = schikanieren, drangsalieren; entspricht dem Mobbing im Beruf). (BMBF S. 30)

3. Warum werden hochbegabte Kinder in der Schule gemobbt?

  • „Eine Entwertungstendenz“ hochbegabter Kinder findet häufig statt „auch wenn dies nicht immer beabsichtigt wird. Gerade hochbegabte Kinder und Jugendliche mit hoher Sensitivität für ihr Umfeld spüren dies dennoch und reagieren darauf, auch wenn eine Entwertung nur sehr subtil verläuft. Nach Aussen fällt häufig erst eine starke Reaktion auf, mit der sich hochbegabte Kinder und Jugendliche schliesslich zur Wehr setzen,… Wenn die zuvor von aussen erfolgten schädigenden Einwirkungen durch Andere nicht wahrgenommen werden, wird die Reaktion leicht allein vermeintlichen individuellen und interpersonalen Defiziten des hochbegabten Kindes oder Jugendlichen zugeschrieben.“ (soziales Fehlverhalten) (BMBF 25)
  • „Schon sporadische Angriffe und Herabsetzungen machen vielen hochbegabten Kindern und Jugendlichen zu schaffen; Es kommt zu wiederholtem oder andauerndem Hänseln oder regelrechten Bullying, worunter die Betroffenen sehr leiden. Das Angst- und Anspannungsniveau ist hoch, behindert spontanes, unbefangenes Verhalten in der Schule und macht die Kinder und Jugendlichen dadurch noch angreifbarer.“ Die Folgen zu Hause sind Aggressionen, „grosse Reizbarkeit oder resignativer Rückzug“. Durch die resultierenden Störungen des Familienklimas verliert das Kind auch noch den Rückhalt bei den Eltern, die es dann auch kritisieren, wodurch „Stimmungs- und Verhaltensstörungen eskalieren können.“ (BMBF S. 43)
  • Es kommt vor, dass hochbegabte Kinder „mit Absicht schlechte Noten schreiben, um zu sein wie die anderen.“ (BMBF S. 29)

4. Warum brauchen hochbegabte Kinder gleichaltrige Hochbegabte?

  • „Wie bei anderen Kindern haben Strukturen und Verhaltensmuster von Personen in ihrem Umfeld Einfluss auch auf die Entwicklung hochbegabter Kinder.“ Hochbegabte haben aber in ihrer natürlichen Umgebung kaum Chancen auf hoch begabte Gleichaltrige zu treffen. Durch ihr Anderssein sind sie ausgeschlossen, können sie sich nicht mitteilen, müssen sich anpassen und verstellen. „Erlebt man Kinder und Jugendliche in (hochbegabten) Kursen, kann man wahrnehmen, wie sehr sie das Miteinander ohne Zügelungs- und Verstellungsdruck, die Sicherheit sich uneingeschränkt mit all ihren besonderen geistigen Gaben und Interessen zeigen  zu dürfen, ohne auf Befremden oder Abwehr zu stossen, stimuliert und verändert.“ (BMBF S. 31)

5. Warum ist die Primarschulzeit für hoch begabte (und andere) Kinder so wichtig?

  • In der 5./6. Klasse spätestens zeigen hb Kinder „ernste Anzeichen von Resignation in einer Entwicklungsphase, in der Freude am Zuwachs intellektureller Fähigkeiten und das Sichmessen in der Gruppe als wesentlich für die Persönlichkeitsentwicklung gelten. Sie zügeln diese Bedürfnisse bis zur Unkenntlichkeit, nachdem sie schon so viel Vergeblichkeit - auch vergebliches Warten - leisten mussten.“ (BMBF S. 28)
  • „Die Latenzzeit, etwa vom 7.-12. Lebensjahr, ist gekennzeichnet durch ‚…eine grosse spontane Lernfreude sowohl in intellektueller als auch in sportlicher Hinsicht und… eine optimistische Grundhaltung’ (Horn)… „Die Weisheit des Grundplanes fügt es so, dass das Kind zu keiner sonstigen Zeit derartig bereit ist, schnell und begierig zu lernen, gross zu werden im Sinne der Übernahme von Verpflichtungen, Disziplin und Leistung, als am Ende der Periode der expansiven Phantasie (Erikson).“

6. Welches Interesse sollte die Gesellschaft an Hochbegabten haben?

  • Es ist „eine gesellschaftliche Aufgabe, besondere Begabungen zuzulassen. Die Fähigkeit hochbegabter Kinder und Jugendlicher, mit ihrem eigenständigen kreativen Geist oft schon in sehr jungem Alter neue Lösungen für lange bestehende Probleme der Welt zu erdenken, sollte dem einzelnen Kind oder Jugendlichen und der Gesellschaft nicht verloren gehen.“ (BMBF S. 55)

Folge der KinderUni® in Social Networks: